Tödlicher Kletterunfall am Oderwitzer Spitzberg nach Standplatzbau am Umlenker

23. April 2014 - Klettern / Unfall

Am Ostermontag hat sich ein schwerer Kletterunfall am Spitzberg in Oderwitz ereignet. Ein 36-jähriger ist noch am Fels verstorben und eine 41-jährige wurde schwer verletzt ausgeflogen.

Es war zunächst nicht ganz einfach den genauen Hergang des Kletterunfalls zu rekonstruieren, da bereits die Polizei aus Kletterersicht unpräzise Informationen in ihrer Pressemeldung publizierte. Diese wurde auch mit Hilfe der DPA in verschiedenen Abwandlungen in allen regionalen und einigen überregionalen Zeitung dupliziert. (Gut zusammengefasst im Stiegenblog.) Das Interview mit Volker Heinrich (Sachsenspiegel, MDR, 22.04 19:00 Uhr), dem Betreuer der Kletterrouten, und auch der Bericht in der Sächsischen Zeitung vom 23.04 mit der Beschreibung der Anwesenden Sachsenspiegel Reporterin Bettina Wobst beleuchten das Geschehene nun etwas besser. Die letzten gesicherten Details konnte ich im persönlichen Gespräch mit Volker Heinrich klären.

Die Kletterer sind demnach in die Route Alte Mittelwand (IV, 30m) eingestiegen. Sämtliche Routen des Sektors Mittelwand sind als Toproperouten mit Umlenkern aber ohne Möglichkeit einen Standplatz zu bauen ausgelegt. Dies dient dem Schutz der nach oben an die Routen angrenzenden Vegetation.

Nach Zeugenaussagen wurde die Route nicht Toprope sondern im Vor- und Nachstieg mit Standplatzbau begangen. Die Kletterer haben sich nach erfolgreicher Besteigung beide mit ihren Standplatzschlingen an der Umlenkung (Widderhorn) fixiert. Dies ist schon rein platzmäßig an den Umlenkern so gar nicht vorgesehen. Der Brandenburger Kletterer bereitete das Abseilen vor und begann anschließend sich abzuseilen. Währenddessen überklettere seine Kletterpartner die Umlegung an ihrer Standplatzschlinge. Auf dem Foto der SZ ist hier leichter Moosbewuchs zu erkennen, was durchaus den Schluss zulässt, dass sie wegrutschte um anschließend mit Schwung seitlich in die Umlenkung zu fallen. Hier ist ebenfalls die Vermutung naheliegend, dass sie ihre Selbstsicherung entlasten wollte, um den Aufbau der Abseile zu erleichtern oder überhaupt erst zu ermöglichen. Ihr Sturz führte zum Herausbrechen einer 12cm x 40cm x 60cm großen Phonolithplatte auf dem der Umlenker befestigt war. Die Kletterer stürzten, samt ausgebrochener Platte, 30m in die Tiefe. Nicht zuletzt aufgrund schwerer Kopfverletzungen verstarb der Kletterer noch am Unfallort.

Es lässt sich wohl festhalten, das die “Experimente” der Kletterer, das Abbrechen der Platte zum jetzigen Zeitpunkt verursacht haben. Dem Foto ist eindeutig zu entnehmen, dass lediglich 1/3 der Platte noch mit dem darunterliegen Felsen verbunden war und die seitliche Belastung ausreichte um diese abzubrechen. Mittelfristig, vielleicht nach dem nächsten Frost, hätte auch ein größerer Sturz in einer Topropebegehung, vermutlich zum großflächigen Ausbrechen der Umlenkung führen können. Vielleicht hätte dieser Aufschub aber auch gereicht, dass die Schwachstelle im Fels ohne Unfall durch die Bergfreunde vor Ort entdeckt worden wäre.

Der Vollständigkeit halber, möchte ich kurz die in anderen Artikeln erwähnten Unfälle aus dem Kontext brüchigen Gesteins rücken:

Wie hätte man den Kletterunfall am Spitzberg also vermeiden können?

  • Ein Umlenker und der Phonolith sollten ohne weiteres die Belastung eines Sitzenden und eines Nicht-all-zu-weit-stürtzenden aushalten, da die Sicherungen im Regelfall auf zwei Tonnen ausgelegt ist. Ob eine intensivere Prüfung des Materials oder des Felsens durch die Betreuer der Route, aber auch insbesondere durch den Vorsteiger, das bevorstehende Abbrechen des Felsens hätte aufdecken können, bleibt Spekulation.
  • Topropesicherungen werden niemals überklettert!
  • Beim Standplatzbau, auch an Bohrhaken, ist grundsätzlich für Redundanz zu sorgen. Das kann eine Exe oder Bandschlinge zum dafür vorgesehenen Haken sein, oder auch einfach zur Nachbarroute. Auch der letzte Bohrhaken vor der Umlenkung kann ggf. mit einer Bandschlinge erreicht werden. Und wenn alles nichts hilft, gilt es selbst eine Schlinge oder einen Keil zu legen. Für den konkreten Fall ist fraglich ob die Redundanz nicht mit am selben Block gewesen wäre, oder das Gewicht des mit eingebunden Blockes nicht auch die Redundanz herausgerissen hätte.
  • Es ist grundsätzlich mit Helm zu klettern und vor allem auch als Nachsteiger mit Helm zu sichern. Die Helme schützen auf jeden Fall bei Steinschlag und bei ungeplanten Stürzen im Vorstieg. Selbst kleine Steine können den Sichernden sonst leicht außer Gefecht setzen. (*)
  • Draußen ist anders!

Klettern ist nach wie vor ein selbstverantwortlicher Sport. Jede Begehung ist individuell durch die Kletterer auf mögliche Risiken hin zu analysieren. Auch ein präparierter Kletterfels mit großzügiger und ansonsten mehrheitlich als zuverlässig eingestuften Absicherung entbindet einen nicht von der eigenen Sorgfaltspflicht. (Das gilt natürlich auch für die Halle.) Das Restrisiko ist niemals auf Null zu minimieren!

P.S. Sollten sich noch neue Fakten ergeben, werde ich den Artikeln entsprechend aktualisieren. Insbesondere ist die Länge des verwendetet Seils noch nicht abschießen geklärt.

*) P.S.S. Ich suche Material/Test/Studien zur Wirksamkeit eines Kletterhelmes bei einen Komplettabsturz, insbesondere bei Helmen die nicht den ganzen Kopf einschließen.

Weiterführende Literatur zum Thema Bohrhaken und Gesteinsfestigkeit.

Comments

  1. […] In einem Blogartikel vom 23. April hatte ich darüber berichtet, dass ein Foto aus diesem Blog in einem Bericht der Bildzeitung sowohl online als auch in der gedruckten Ausgabe ohne meine Genehmigung erschien. Ob ich eine Veröffentlichung genehmigt hätte, sei einmal dahingestellt. Für eine Berichterstattung in dieser Form sicher nicht. Die tatsächlichen Hintergründe zum tragischen Bergunfall am Spitzberg kann man in diesem Artikel nachlesen. […]

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